Widerstand in den 1970er und 1980er Jahren

Untertage-Labor bei Bure (Andra, 4 vents)
In den 1970er und 1980er Jahren erfolgten verschiedene Versuche der französischen Regierung, potentiell geeignete Standorte für ein Endlager für hochradioaktiven Abfall in Ton, Schiefer, Salz und Granit zu untersuchen. Es gab aber große Widerstände, vor allem bei Landwirten, die um die Absatzmöglichkeiten ihrer Produkte fürchteten, falls in ihrer Nähe ein Endlager errichtet wird.

 

 

15 Jahre zielgerichtete Forschungsarbeiten

1990 stoppte die Regierung die Standortsuche und beauftragte eine parlamentarische Kommission unter Leitung des Abgeordneten Christian Bataille, einen Vorschlag für das weitere Vorgehen zu erarbeiten. Daraus resultierte ein einstimmig verabschiedetes Gesetz vom Dezember 1991, mit dem die Entscheidung über das zukünftige Endlagerkonzept auf 2006 verschoben und ein darauf ausgerichtetes Forschungsprogramm definiert wurde. Dem Parlament war jährlich ein Bericht zum aktuellen Stand der Arbeiten vorzulegen, der von der CNE (National Evaluation Commission) erstellt wird. In 2006 waren die Arbeiten zu beenden und  abschließend zu bewerten. Im Rahmen der Forschungsarbeiten wurden zudem auch die Bedingungen für die Einrichtung und den Betrieb von Untertage-Laboratorien in möglicherweise geeigneten, sogenannten „eignungshöffigen“, Formationen festgelegt.

30 Kommunen bereit zur Aufnahme eines Untertagelabors

Nach der Verabschiedung des “Entsorgungs-Gesetzes” wurden Kommunen gesucht, die sich grundsätzlich mit der Einrichtung eines Untertagelabors einverstanden erklären. Insgesamt haben sich 30 Kommunen gefunden, die zur Aufnahme eines solchen Labors bereit waren. Die 1979 gegründete und seit 1991 unabhängige öffentliche Entsorgungsgesellschaft ANDRA (Agence nationale pour la gestion de déchets radioactifs) wählte nach Voruntersuchungen daraus drei Standorte aus. Zwei davon in Ton, einen in Granit. Über einen Standort in einer Granitformation kam es aufgrund von regionalen Widerständen zu keiner Entscheidung, die diesbezügliche Forschung der ANDRA ist daher eher von allgemeiner Natur. Im Dezember 1998 genehmigte die Regierung der ANDRA die Errichtung eines Untertage-Labors in einer 150 Millionen Jahre alten Tonformation bei Bure (an der Grenze zwischen den Departements Meuse und Haute-Marne gelegen).

Erste Machbarkeitsstudie in 2005

Unter anderem die Forschungsarbeiten in Bure führten zu einer ersten Machbarkeits- und Sicherheitsstudie der ANDRA („Dossier 2005 Argile“). Zwischen September und Dezember 2005 wurde eine durch die Umweltbehörde ASN initiierte öffentliche Debatte zur Endlagerung geführt, ein Bericht hierzu wurde Anfang 2006 veröffentlicht. Daraufhin wurde im Juni 2006 ein entsprechendes Endlagerplanungsgesetz verabschiedet. Dieses regelt die weitere Forschung in Bure zur Standortsuche und zum Endlagerkonzept. Da sicherzustellen ist, dass der endgültige Endlagerstandort  geologische Parameter aufweisen muss, die sich mit denen von Bure vergleichen lassen, wurde zunächst ein mögliches Gebiet für einen Endlagerstandort in der Größe von 250 km² in der Region Bure ausgewiesen. Diese wurde später von der ANDRA auf ein 30 km² großes Gebiet eingegrenzt.

Verfassungsrat kippt Endlager-Passus

Mit der Verabschiedung des Gesetzes zum  Wirtschaftswachstum ("Le Loi Macron") wurde am 9. Juli 2015 ein die Endlagerung französischer hoch radioaktiver Abfälle betreffender Artikel verabschiedet. In dem entsprechenden Passus wurde festgelegt, dass vor der Einlagerung der Abfälle während einer Pilotphase die Sicherheit des Endlagers geprüft werde. Weiterhin sollen die Abfälle rückholbar gelagert werden, so dass zukünftige Generationen - sollte sich eine alternative Lösung für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle finden - den Vorgang der Einlagerung am Endlagerstandort rückgängig machen können. Weiterhin ist es damit möglich, die Entwicklung des Endlagers 100 Jahre lang zu überwachen. Nach Ablauf der 100 Jahre ist aktuell der endgültige Verschluss des Endlagers geplant.

Auch wenn der Standort Bure an keiner Stelle genannt wird, ist davon auszugehen, dass für ebendiesen der Genehmigungsantrag in 2017 gestellt wird, da Bure der einzige für die Endlagerung hoch radioaktiver Abfälle untersuchte Standort in Frankreich ist. Dies wurde öffentlich bereits stark kritisiert.

Am 06.08.2015 monierte der französische Verfassungsrat (vergleichbar mit dem deutschen Bundesverfassungsgericht) diesen Artikel nicht wegen inhaltlicher Bedenken, sondern weil er nicht verfassungsgemäß verabschiedet wurde. Dies wurde bereits nach der Verabschiedung des "Loi Macron" Anfang Juli durch die Medien sowie durch die Öffentlichkeit deutlich kritisiert. Hintergrund: Der bei der Verabschiedung des Gesetzes genutzte § 49, Abs. 3 der französischen Verfassung besagt, dass der französische Premierminister nach Beratung mit dem Kabinett die Verantwortung der französischen Regierung vor der Nationalversammlung geltend machen kann, wenn es sich um ein Gesetz mit Bezug zu Finanzen handelt und sich die Regierung der parlamentarischen Mehrheit nicht sicher ist. Der Vorschlag gilt dann als angenommen, wenn innerhalb von 24 Stunden kein Misstrauensantrag vorgebracht wird.

Das französische Wirtschaftsministerium kündigte daraufhin an, im ersten Halbjahr 2016 einen neuen Gesetzentwurf zur Pilotphase, mit der die Endlagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe in Frankreich begonnen werden soll, vorzulegen.

Die ANDRA plant, den Genehmigungsantrag für den Bau des Endlagers in 2017 zu stellen. Mit der Errichtung des Endlagers soll 2020 und mit der Pilotphase und der damit einhergehenden Einlagerung der Abfälle soll 2025 begonnen werden.

Aktueller Status der Kernenergie

Nach der Öl-Krise 1973/ 1974 entschied sich Frankreich dazu, eine Expansion der Energieproduktion im Inland voranzutreiben, um unabhängiger vom Ausland zu werden. Aufgrund der Tatsache, dass Frankreich wenig fossile Energieressourcen aufweist, fiel die Wahl auf die Kernkraft. Seitdem kann eine unabhängige und sichere Energieversorgung gewährleistet werden.

Drei Viertel der produzierten Elektrizität in Frankreich werden heute durch  Kernenergie zur Verfügung gestellt. 17% davon stammen von rezyklierten Brennelementen aus der Wiederaufarbeitung in La Hague. Damit ist Frankreich der weltweit zweitgrößte  Kernenergieproduzent.
Die 58 französischen Reaktoren werden durch das Energieversorgungsunternehmen Electricité de France (EDF) betrieben.

Aufgrund eines politischen Entscheides soll 2025 der Anteil der Kernenergie am Energiemix von 75% auf 50 % reduziert werden. Dies hat unmittelbaren Einfluss auf die geplante Errichtung neuer Kernkraftwerke.
2012 wurde mit dem Bau des Reaktors Flamanville 3 begonnen.  Dieser soll  2017 fertiggestellt werden. Ein weiterer, sich in Planung befindlicher Reaktor (Penly 3) wird aufgrund der zukünftigen Orientierung Frankreichs nicht errichtet werden. Um das für 2025 avisierte Ziel zu erreichen, ist es notwendig, weitere Reaktoren in Frankreich abzuschalten.

Die Mehrheit der Franzosen (55 %) gab bei einer Umfrage an, dass sie gegen die Abschaltung der Kernkraftwerke sind. Auch der Betreiber der Kernkraftwerke (EDF) , findet Rückhalt in der französischen Gesellschaft. 62 % vertreten die Meinung, EDF betreibe die Reaktoren sicher und zuverlässig.

  

Weiterführende Informationen finden Sie unter www.andra.fr

Stand: 10.08.2015