Machbarkeitsstudien zu Möglichkeiten der Schließung

Nach der Übernahme der Schachtanlage Asse II durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zum 01.01.2009 wurde von diesem ein „Optionenvergleich“ durchgeführt, um die beste Möglichkeit zur sicheren Stilllegung der Anlage zu ermitteln. Zur Diskussion standen die Optionen, das Grubengebäude mit Versatzmaterial zu verfüllen („Vollverfüllung“), die Abfälle innerhalb des Bergwerks in eine tiefere, noch aufzufahrende Sohle umzulagern („Umlagerung“) oder die Abfälle aus dem Bergwerk zu bergen („Rückholung“).

Zu diesem Zweck wurden vom BfS in 2009 verschiedene Sachverständigenorganisationen zur Erarbeitung von Machbarkeitsstudien beauftragt, die im Folgenden zusammenfassend dargestellt werden.

Vollverfüllung

Mit der Beschreibung und Bewertung der Stilllegungsoption „Vollverfüllung“ wurde die AF-Colenco AG (Baden, Schweiz), die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) mbH (Braunschweig) und das IfG Institut für Gebirgsmechanik GmbH (Leipzig) beauftragt. In dem 121 Seiten umfassenden Bericht kommen die Gutachter zu folgenden Schlussfolgerungen:

  • Beim Konzept Vollverfüllung mit Sorelbeton ist keine Handhabung der Abfälle notwendig. Das Personal wird daher nur geringen Strahlenbelastungen ausgesetzt, eine Strahlenexposition der Bevölkerung kann gänzlich ausgeschlossen werden.
  • Da keine neuen größeren Hohlräume mehr aufgefahren werden, wird die Resttragfähigkeit des Grubengebäudes nicht zusätzlich geschwächt. Die Möglichkeit eines frühzeitigen erhöhten Lösungszuflusses in der Stilllegungsphase wird minimiert.
  • Die Vollverfüllung zeichnet sich durch eine weitgehend nach dem Stand der Technik durchzuführende Maßnahme aus, die sehr planungssicher in einem relativ kurzen Zeitraum durchzuführen ist.
  • Die Langzeitsicherheit der Vollverfüllung wird von den Gutachtern als gewährleistet bewertet. Durch fehlende Standortdaten ist eine genaue Systementwicklung allerdings nicht prognostizierbar (z.B. könnten Rückhalteprozesse von Radionukliden im Deckgebirge nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt werden). Dadurch kann nicht belastbar vorhergesagt werden, ob der Nachweis geführt werden kann, dass ein Wert von 0,3 mSv/a (nach § 47 der Strahlenschutzverordnung) für alle möglichen zukünftigen Szenarien mit einer hohen Sicherheit unterschritten wird.
  • Hinsichtlich der Langzeitsicherheit der Schachtanlage wird die Vollverfüllung von den Gutachtern empfohlen.

Umlagerung der Abfälle

Die Machbarkeitsstudie zur Umlagerung der Abfälle innerhalb des Grubengebäudes in tiefer liegende Gesteinsformationen wurde von der ERCOSPLAN Ingenieurgesellschaft Geotechnik und Bergbau mbH (Erfurt) und der TÜV NORD Systec GmbH & Co. KG (Hamburg) durchgeführt. Die Gutachter kommen zu folgendem Ergebnis:

  • Es wurden verschiedene Möglichkeiten zum Aufschluss der tiefer liegenden Bereiche und geeignete Auffahrungsmöglichkeiten betrachtet. Diese beinhalteten das Abteufen von zwei Blindschächten bzw. eines Blindschachtes und einer Schrägstrecke.  
  • Alle neu erstellten und zur Umlagerung von Abfällen genutzten Grubenbaue können langzeitsicher gegenüber der Biosphäre  verschlossen werden.
  • Die notwendige Technik zur Auffahrung der neu aufzufahrenden Grubenbaue entspricht dem Stand der Technik.
  • Die Umlagerung der Gebinde in eine Tiefe von ca. 1.200 m  ist technisch möglich.
  • Für die Umlagerung von allen Abfällen wären ca. 15-18 Jahre zur Durchführung aller Maßnahmen notwendig.
  • Die gesetzlichen Vorgaben für die Strahlenexposition des Personals und der Bevölkerung könnten eingehalten werden. 

Rückholung der Abfälle

Die Machbarkeitsstudie zur Rückholung der schwachradioaktiven Abfälle wurde von der DMT GmbH & Co. KG (Essen) und der TÜV NORD Systec GmbH & Co. KG (Hamburg) durchgeführt. Die Gutachter stellten dabei fest:

  • Eine Rückholung der schwachradioaktiven Abfälle ist technisch möglich.
  • Je nach Anteil der rückzuholenden schwachradioaktiven Abfälle ist ein Zeitbedarf von bis zu 14,6 Jahren (bei 100%) notwendig.
  • Das zurückzuholende Volumen (schwachradioaktiv) beträgt bis zu 127.000 m³, da auch kontaminierter Salzgrus zu berücksichtigen ist.
  • Radiologische Grenzwerte für das Personal und die Bevölkerung können eingehalten werden.

Die Rückholung der mittelradioaktiven Abfälle wurde bereits 2008 in einer Studie der EWN GmbH und des TÜV NORD SysTec GmbH & Co. KG untersucht. Hierbei wurde festgestellt:

  • Die abgeschätzte Kollektivdosis für das Personal beträgt ca. 400 mSv. Auch die Strahlenexposition für die Bevölkerung (z.B. durch luftgetragene Radioaktivität aus der Abluft des Bergwerks bzw. eines Zwischenlagers) stellt eine deutliche Belastung dar, die nur dann vertretbar ist, wenn mit der Rückholung auch ein angemessener sicherheitstechnischer Gewinn verbunden ist. 
  • Da die radiologisch relevanten Alphastrahler nur zu 8% in den mittelradioaktiven Abfällen, aber zu 92% in den schwachradioaktiven Abfällen enthalten sind, sind die radiologischen Auswirkungen bei einem vorzeitigen Lösungszutritt nur zu einem geringen Teil durch die mittelradioaktiven Abfällen beeinflusst.
  • Die Rückholung der MAW-Abfälle stellt keinen relevanten Sicherheitsgewinn für die Bevölkerung dar.

Bewertung durch das Bundesamt für Strahlenschutz

Nach Vorlage der Gutachten hat das BfS im Januar 2010 in einem Bericht alle Optionen vergleichend bewertet. Dazu hat es verschiedene Beurteilungsfelder festgelegt:

  • Sicherheit in der Betriebsphase
  • Umweltauswirkungen bei unbeherrschbarem Lösungszutritt
  • Vorläufige Langzeitsicherheitseinschätzungen
  • Machbarkeit
  • Zeitbedarf

Danach lag bei allen Beurteilungsfeldern bis auf „vorläufige Langzeitsicherheitseinschätzungen“ die Option Vollverfüllung auf dem ersten Rang. Mit der Begründung, dass allein durch die Rückholung der Abfälle nach derzeitigem Stand des Wissens ein Langzeitsicherheitsnachweis geführt werden kann, schlug das BfS dennoch die Rückholung der Abfälle als die beste Möglichkeit der Stilllegung vor.

Laufende Faktenerhebung

Im Rahmen einer „Faktenerhebung“ sollen zwei Kammern mit radioaktiven Abfällen angebohrt werden, um zu überprüfen, in welchem Zustand sich die Abfallfässer befinden und ob sich radioaktive/explosive Gase oder auch kontaminierte Lösungen in den Kammern befinden. Auf dieser Basis will das BfS entscheiden, ob eine Rückholung unter Gewährleistung der Sicherheit der Bevölkerung und der Mitarbeiter durchführbar ist.

Vorangegangen war ein Genehmigungsverfahren für die Probebohrungen, das bei Niedersächsischen Umweltministerium durchzuführen war. Entsprechende Unterlagen wurden vom BfS im Oktober 2010 eingereicht. Am 21. April 2011 wurden die Probebohrungen unter 32 Auflagen genehmigt. Das BfS rechnet frühestens Anfang November 2011 mit dem Beginn der Bohrarbeiten.

Rückholung in der Kritik

In einer Stellungnahme der Entsorgungskommission (ESK), dem Beratungsgremium des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, vom 7. April 2010 hat diese kritisch Stellung zur vorgeschlagenen Rückholung der Abfälle genommen. Dabei stellte die ESK zur Machbarkeitsstudie „Rückholung“ u.a. fest:

  • Bei einer Rückholung der Abfälle würde das Betriebspersonal einer erheblichen Strahlenbelastung für mehrere Jahrzehnte ausgesetzt. Auch die Bevölkerung in der Umgebung der Anlage würde durch eine Strahlenbelastung (Direktstrahlung der Abfälle und höhere Emissionen der Anlage) belastet. 
  • Es  wurde teilweise von unzutreffenden Randbedingungen ausgegangen. So ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Abfallgebinde zerstört ist. Die vorgeschlagene, untertägige Verpressung von Abfällen erscheint daher ungeeignet. Die rückzuholenden Abfälle müssen in noch zu entwickelnden, speziellen Bergungsbehältern gehandhabt werden.
  • Die für die endlagergerechte Konditionierung der rückgeholten Abfälle notwendigen Maßnahmen sind nicht in ausreichender Weise berücksichtigt.
  • Der  Zeitbedarf für die Durchführung der untertägigen Arbeiten zur Vorbehandlung und Förderung der Abfallgebinde nach über Tage ist zum Teil deutlich zu kurz angesetzt worden. Darüber hinaus wurden notwendige Bearbeitungsschritte nicht berücksichtigt.
  • Die ermittelten Zeiträume für Planung, Genehmigung, Errichtung und Betrieb von notwendigen Bergungs-, Lager- und Konditionierungseinrichtungen sind unrealistisch und müssen erheblich nach oben korrigiert werden.
  • Die untersuchten Störfälle decken nicht das gesamte für kerntechnische Anlagen übliche Spektrum ab.

Auch der Fachverband für Strahlenschutz e.V. kritisiert in einem Brief an die zuständigen Bundesministerien die vorzeitige Festlegung auf eine Rückholung, insbesondere vor dem Hintergrund der sehr groben Abschätzung der Strahlenexposition für Mitarbeiter und Bevölkerung.