Der Weg zum Standortauswahlverfahren

Bereits in den 1980er Jahren schlug die Nirex (Nuclear Industry Radioactive Waste Executive), die 1982 von der britischen Regierung gegründet wurde, verschiedene Standorte für Endlager für hochradioaktive Abfälle vor, die durch Widerstände in der Bevölkerung aufgegeben wurden. Ein weiterer Versuch zur Etablierung eines Endlagers für mittelradioaktive Abfälle in West Cumbria im Lake District wurde in den 1990er Jahren gestartet. 1997 gab die Regierung den Standort wegen des öffentlichen Widerstands und des negativen Ausgangs einer öffentlichen Untersuchung auf. Ein dritter Anlauf einer Standortsuche wurde mit den Empfehlungen des unabhängigen CoRWM (Committee on Radioactive Waste Mangement) in 2006 gestartet. Diese basieren auf einem Modell der öffentlichen Information und Beteiligung, der Freiwilligkeit und Akzeptanz. Von Juni bis Dezember 2007 wurde die Öffentlichkeit in einen Beratungsprozess zum Neustart der geologischen Endlagerung eingebunden. Die Ergebnisse wurden im Juni 2008 in einem White Paper der DEFRA (Department of Environment, Food and Rural Affairs) zusammengefasst.

Das Standortauswahlverfahren

Das im White Paper der DEFRA definierte Auswahlverfahren fußt auf einem gestuften Prozess, das die Freiwilligkeit der betroffenen Standortgemeinden voraussetzt. Die einzelnen Etappen sind

  1. Potenzielle Standortkommunen bekunden ihr Interesse und ihre Bereitschaft dazu, als Endlagerstandort zu fungieren
  2. Der Untergrund wird durch den britischen geologischen Dienst auf Untauglichkeitskriterien hin untersucht, um ungeeignete Standorte von der weiteren Suche auszuschließen
  3. Anhörung der Gemeinden, die nicht durch Stufe 2 ausgeschieden sind, ob sie an Stufe 4 teilnehmen
  4. Literaturrecherche und Auswertung der verfügbaren Informationen über die vorliegenden Gesteinsformationen in teilnehmenden Kommunen, ob das Areal als Endlagerstandort geeignet ist
  5. Geologische Untersuchungen (z.B. Bohrungen) von übertage an den verbleibenden Standortkandidaten
  6. Untertägige Erkundung

In jeder der sechs Stufen können die teilnehmenden Kommunen die bisherigen Ergebnisse prüfen und entscheiden, ob sie an der nächsten Stufe teilnehmen möchten. Ein Ausstieg aus dem Verfahren durch die Standortgemeinden ist bis zum Beginn der Stufe 6 möglich.

Aktuelle Situation im Auswahlverfahren

Im Januar 2013 stand den Gemeinden Copeland und Allerdale im Landkreis Cumbria zur Wahl, ob sie in Stufe 4 einsteigen möchten. Die Gemeinden Copeland und Allerdale sprachen sich für, der Landkreis Cumbria gegen eine Teilnahme aus. Da für eine Teilnahme an der Standortauswahl alle einzubeziehenden Gebietskörperschaften im Konsens agieren müssen, stoppte die Absage des Landkreises Cumbria den gesamten Standortauswahlprozess.

Im Anschluss daran beriet die britische Regierung, wie der Standortauswahlprozess überarbeitet und verbessert werden könnte. Aktuell werden England, Wales und Nordirland im Hinblick auf die geologischen Gegebenheiten untersucht. Das Wirtsgestein ist hierbei nicht definiert, zur Diskussion stehen gleichermaßen Salz, Granit und Ton. Aufgrund unvollständiger Datenerfassung der infrage kommenden Gebiete, kann keine direkte (Un-) Tauglichkeit eines Standortes vorhergesagt werden, es wird vielmehr dadurch eine Datenbasis entstehen, die das Gespräch mit den Gemeinden fördern soll, um einen möglichen Standort, auch aus sozio-ökonomischen Aspekten, zu definieren. Die potentiellen Standorte, die aus dem ersten Screening resultieren sollen 2016 verkündet werden. Schlussendlich erfolgt hier keine endgültige Standortauswahl, sondern nur einige Optionen, welche in den folgenden Phasen näher analysiert werden sollen.

Nachdem das Prinzip der Freiwilligkeit in Großbritannien gescheitert ist, wird aktuell eine Gesetzesergänzung geprüft, die es dem britischen Secretary of State ermöglicht, die komplexen und politisch brisanten Entscheidungen, die die Endlagerung radioaktiver Abfälle betreffen, ohne Abstimmung mit z.B. Gemeinderäten zu treffen. Dies ist in Deutschland ebenfalls z.B. hinsichtlich des "Netzausbaubeschleunigungsgesetzes" (NABEG) oder bei Planfeststellungsverfahren der Fall.

Im Fokus steht zurzeit die Verbringung der radioaktiven Abfälle in tiefe geologische Formationen, die sich an anderen europäischen Staaten orientiert. Andere Möglichkeiten werden parallel untersucht.

Das Standortauswahlverfahren soll zusätzlich zum beauftragten Unternehmen und dessen Anteilseignern durch externe Beratung wie bspw. das British Geological Survey oder andere internationale Gesellschaften geprägt sein. Die sollen Erfahrungen in der Entsorgung radioaktiven Abfalles besitzen sowie eine enge Kooperation und einen stetigen detaillierten Informationsfluss mit der Bevölkerung pflegen. Eine zentrale Rolle soll das Committee on Radioactive Waste Management (CoRWM) einnehmen.

Aktueller Status der Kernenergie

Nach dem Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi infolge des Seebebens vor Japan am 11.03.2011 hatte der damalige britische Minister für Energie die Erstellung eines Berichts in Auftrag gegeben, in dem die Sicherheit der britischen Kernkraftwerke im Fall von Naturkatastrophen überprüft werden sollte. Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass die kerntechnischen Anlagen in Großbritannien keine fundamentalen Sicherheitsmängel aufweisen, jedoch in Details verbessert werden könnten.

Im Juli 2011 wurde das "National Policy Statement" zur Energieinfrastruktur Großbritanniens vom Parlament verabschiedet. Dieses sieht den Neubau von Kernkraftwerken an acht Standorten vor. Der Ausbau der Kernenergie spielt eine Schlüsselrolle in der Klima- und Energiestrategie der britischen Regierung. Im Dezember 2011 wurde den beiden Kernkraftwerkskonzepten "EPR" (European Pressurized Reactor, dt.: europäischer Druckwasserreaktor der Firma AREVA) und "AP1000 PWR" (Pressurized Water Reactor, dt.: Druckwasserreaktor der Firma Westinghouse) von der britischen Atomaufsicht (Office for Nuclear Regulation, ONR) eine vorläufige Typengenehmigung erteilt.

Im Dezember 2012 wurde dem Reaktortyp "UK EPR" von AREVA, der u.a. vom Betreiber der britischen Kernkraftwerke EdF Energy für den Standort Hinkley Point C vorgesehen ist, vom Office for Nuclear Regulation zusammen mit der britischen Umweltagentur die Typengenehmigung erteilt. Daraufhin wurde im März 2013 die Baugenehmigung für das Kernkraftwerk Hinkley Point C mit zwei Reaktoren des Typs "UK EPR" erteilt. EdF Energy plant die Errichtung von zwei weiteren "EPR" am Standort.

Aktuell wird der Antrag für die Typgenehmigung des ABWR-Reaktors (Advanced Boiling Water Reactor, dt.: Fortgeschrittener Siedewasserreaktor) der Horizon Nuclear Power Ltd., an der der japanische Hersteller Hitachi maßgeblich beteiligt ist, für die Planung der Errichtung von mindestens vier Reaktorblöcken an den Standorten Wylfa und Oldbury geprüft. Weiterhin plant der britische Energieversorger Centrica die Errichtung von AP1000 PWR am Standort Moorside bei Sellafield.  

 

Weitere Informationen zum Standortauswahlverfahren in Großbritannien finden Sie hier.

Stand: 24.02.2015