Ein Plan für den Umgang mit radioaktiven Abfällen in Kanada

2002 wurde in Kanada der „Nuclear Fuel Waste Act“ verabschiedet. Dieses Gesetz ist hinsichtlich der Ziele vergleichbar mit dem deutschen Standortauswahlgesetz. Das Gesetz verpflichtete die Abfallverursacher, Canada’s Nuclear Waste Management Organisation (NWMO) zu gründen. Eine weitere Vorgabe des Gesetzes ist die Einbindung von Bürgern, Spezialisten, Stakeholdern sowie den Ureinwohnern in die Optionenauswahl des Langzeitmanagements radioaktiver Abfälle (Langzeitzwischenlagerung oder Endlagerung in tiefen geologischen Formationen) durch die NWMO.

Daraufhin wurde 2005 das "Adaptive Phased Management" (APM), ein lernfähiger, stufenweiser Prozess von der NWMO als Grundlage für die Standortsuche erarbeitet, dem im Juni 2007 von der kanadischen Regierung zugestimmt wurde. Anschließend nahm die NWMO ihre Arbeit auf und beschrieb mit dem in 2010 veröffentlichten Bericht "Moving Forward Together: Process for Selecting a Site for Canada's Deep Geological Repository for Used Nuclear Fuel" das Verfahren für die Standortauswahl.

Verfahrensweise des Standortauswahlverfahrens

Bei dem kanadischen Standortauswahlverfahren handelt es sich um einen neunstufigen Prozess, dem die Veröffentlichung des Standortauswahlkonzepts vorgeschaltet ist.

  1. Breit angelegtes Programm zur Information der Bevölkerung rund um die Endlagerung.
  2. Gemeinden bekunden ihr Interesse an den Vorgängen des Standortauswahlprozesses, die NWMO untersucht die Eignung der Gemeinden als potenziellen Standort für ein Endlager.
  3. In Regionen mit interessierten Gemeinden wird eine vorläufige Bewertung der potenziellen Eignung mit Hilfe von Machbarkeitsstudien durchgeführt.
  4. Durchführung und Abschluss detaillierter Standortuntersuchungen, Auswahl eines oder mehrerer potenzieller Standorte in den Regionen mit interessierten Gemeinden.
  5. Entscheidung der ausgewählten Gemeinden, ob sie ihre Teilnahme am Standortauswahlprozess weiterführen möchten. Für die weitere Teilnahme werden entsprechende Bedingungen formuliert.
  6. Die NWMO wählt den bevorzugten Standort aus.
  7. Die Regulierungsbehörde überprüft die Sicherheit des Projektes. Wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, gibt die Regulierungsbehörde die Zulassung, mit Schritt 9 fortzufahren.
  8. Einrichtung und Betrieb eines Untertagelabors am Standort.
  9. Bau und Betrieb des Endlagers.

Werden die Anforderungen an das zu errichtende Endlager nicht zur Zufriedenheit der ansässigen Bevölkerung erfüllt, kann die Gemeinde bis Stufe 3 ohne Weiteres aus dem Standortauswahlverfahren zurücktreten.

Vierzehn potenzielle Standorte stehen fest

Acht potentielle Standorte hatten bereits bis Mitte 2014 die Phase 2 von Stufe 3 erreicht:

• Region Ontario: Ear Falls, Hornepayne, Ignace, Schreiber, Wawa
• Region Saskatchewan: Creighton, English River First Nation, Northern Village of Pinehouse.

Zwölf weitere potenzielle Standorte in der Region Ontario sollten in 2014 die Phase 1 der Stufe 3 abschließen. Davon wurden bisher sechs Standorte als potentielle Standorte bestätigt und zwei abgelehnt. Die verbleibenden vier Standorte (The City of Elliot Lake, Town of Blind River, Townships of Manitouwadge und White River) befinden sich weiterhin in der Überprüfung.
In Phase 2 von Stufe 3 werden zunächst die Voraussetzungen für sicherheitstechnische Untersuchungen überprüft. Daraufhin werden Standorte ausgewählt, die sowohl die Sicherheitsanforderungen erfüllen als auch Akzeptanz für die Errichtung eines Endlagers aufweisen.

Alle potenziellen Standortkommunen hatten sich seit März 2011 dazu bereit erklärt, über die Standortsuche informiert zu werden und somit Interesse bekundet, als möglicher Standort bereit zu stehen. Auf diese Interessenbekundung folgt die vorläufige Beurteilung der vorgeschlagenen Regionen aufgrund von fünf Kriterien, die für jeden Standort gleich sind. Diese werden dann auf die bereits verfügbaren Informationen angewendet. Sind diese fünf Kriterien erfüllt, so bekommt die Kommune eine positive Rückmeldung über die Eignung als potenzieller Endlagerstandort. An diesem Punkt ist es der Kommune überlassen, ob sie bereit ist, weiter am Standortsuchprozess teilzunehmen. Ist dies der Fall, so geht es weiter mit Stufe 3, einer detaillierteren Untersuchung des Standortes im Hinblick auf technische und sozio-ökonomische Faktoren.

Dieser Prozess soll zwischen sieben und zehn Jahren in Anspruch nehmen.

Aktueller Status der Kernenergie

Die kanadischen Kernkraftwerke produzieren 15% der insgesamt benötigten Elektrizität. Dafür werden 19 Kernkraftwerke betrieben, wovon sich die meisten in der Region Ontario befinden.
Zurzeit ist der Ausbau der Kernenergie geplant. Dafür sollen zwei neue Kernkraftwerke gebaut werden. Darüber hinaus werden bereits laufende Kernkraftwerke modernisiert.

International nimmt Kanada eine Sonderrolle im Hinblick auf die Reaktortypen ein. Es werden nicht nur Siede- und Druckwasserreaktoren gebaut und betrieben, sondern auch sogenannte CANDU-Reaktoren. Diese Reaktoren werden mit nicht angereichertem Uran betrieben, was zu einer Reduzierung der Betriebskosten der Kernkraftwerke und zu weniger anfallenden hochradioaktiven Abfällen aus dem Betrieb führt.

Umfragen in Kanada aus dem Jahr 2012 zeigen, dass sich die nationale Meinung gegenüber der Kernkraft trotz des Reaktorunfalls in Fukushima Daiichi kaum verändert. Während fast jeder Zweite (47%) einer Modernisierung der kanadischen Kernkraftwerke positiv gegenübersteht, unterstützt jeder Dritte den Neubau von Kernkraftwerken.
In Ontario, der Region mit den meisten Kernkraftwerksstandorten, unterstützen hingegen 63% der Befragten die Modernisierung und 48% den Neubau von Kernkraftwerken.

Internationale Zusammenarbeit

Im Rahmen der Endlagerung radioaktiver Abfälle ist die Arbeit der NWMO durch eine enge Kooperation mit sowohl nationalen als auch internationalen Partnern gekennzeichnet. So erfolgte die Entwicklung von Kupferbeschichtungen und –hüllen der Endlagerbehälter in Zusammenarbeit mit der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (NAGRA) aus der Schweiz. Weiterführende Tests an der Beschichtung unter Endlagerbedingungen wurden an der Universität Ottawa durchgeführt. Darüber hinaus besteht eine nationale Kooperation mit weiteren Universitäten (Toronto, Windsor) und dem National Research Council.

Die Inbetriebnahme des Endlagers ist für 2035 avisiert. Bis das Endlager zur Verfügung steht, werden die abgebrannten Brennelemente in verschiedenen Zwischenlagern aufbewahrt. In Kanada gibt es 9 Zwischenläger, 6 davon an Kernkraftwerksstandorten und 3 an nationalen Laboratorien. Die radioaktiven Abfälle werden zunächst nass gelagert (zur besseren Abführung der Nachzerfallswärme) und können nach etwa 7 bis 10 Jahren in die Trockenlagerung der Zwischenlager in eigens dafür konzipierte Behälter überführt werden.

 

Weiterführende Informationen finden Sie unter www.nwmo.ca

Stand: 13.02.2015